{"id":369,"date":"2022-11-07T20:50:43","date_gmt":"2022-11-07T20:50:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.machine-cultures.net\/?p=369"},"modified":"2022-11-07T20:50:43","modified_gmt":"2022-11-07T20:50:43","slug":"die-schreibmaschine-und-die-schriftlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.machine-cultures.net\/?p=369","title":{"rendered":"Die Schreibmaschine und die Schriftlichkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Welche Bedeutung hatte die immer breiter werdende Verwendung der Schreibmaschine f\u00fcr die Schrift das Schreiben als Prozess?<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Frage m\u00f6chte in anhand der ersten beiden Kapitel von Andi Gredigs Buch: Schreiben mit der Hand. Begriffe | Diskurs | Praktiken, nachgehen.<\/p>\n<p><strong>Forminventar<\/strong><\/p>\n<p>In der Handschrift einer einzigen Person findet sich ein breites Forminventar. Es ist beinahe unm\u00f6glich ein und den selben Buchstaben von Hand exakt zu duplizieren. Mal wird der Buchstaben etwas gr\u00f6sser. Mal etwas schiefer. Mal etwas geschwungener. Bei der Schreibmaschine hingegen wird ein Buchstabe immer gleich aussehen. Es gibt keine M\u00f6glichkeit, einen einzelnen Buchstaben mal etwas schiefer oder geschwungener, gr\u00f6sser oder kleiner erscheinen zu lassen. Die einzige M\u00f6glichkeit allenfalls in der Variierung der Druckst\u00e4rke, wobei sich hier die Frage stellt, ob eine solche Differenz als variierendes Forminventar gesehen werden kann. So bleibt der Buchstabe in seiner Form doch unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Beschr\u00e4nkte Zeichenauswahl<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Zeichenauswahl bei einer Handschrift unbegrenzt ist, muss diese bei technischen Schreibger\u00e4ten sinnvollerweise begrenzt werden. Es ist also nicht m\u00f6glich mit einer deutschen Schreibmaschine chinesisch oder arabisch zu schreiben. Schon allein f\u00fcr die verwandte franz\u00f6sische Sprache wird das Vorhandensein der erforderlichen Sonderzeichen vorausgesetzt. Daher erscheint es besonders interessant, dass diese Zeichenauswahl im Laufe der Zeit der Funktion der Schreibmaschinen angepasst wurden. So hat Beispielsweise die von 1950-1961 produzierte Olympia SM 2 kein Ausrufezeichen auf der Tastatur. Auch die Zahl eins fehlt. Wobei diese durch die Zeichensimilarit\u00e4t von 1 und l auf \u00e4lteren Schreibmaschinen kompensiert werden konnte. Es wird also vorausgesetzt, dass aus dem Kontext abgeleitet werden kann, ob das Zeichen als Zahl oder als Buchstabe verwendet wurde. Es kommt durch den beschr\u00e4nkten Platz gewissermassen zu einem Zeichenzusammenfall.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-large wp-image-365\" src=\"https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-1870x1403.jpg 1870w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-400x300.jpg 400w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Tastatur-800x600.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/p>\n<p>Auch bei der von 1958-1966 produzierten Hermes media 3 sah man keine Notwendigkeit diesen Zeichenzusammenfall aufzuheben. Daf\u00fcr kam das Ausrufezeichen hinzu. Die Schreibmaschine entwickelte sich also immer mehr vom Rechnungsschreiber in einen Textschreiber. Unterstrichen wird diese These dadurch, dass bei der Hermes media 3 auch die mathematischen Zeichen 1\/4 und 3\/4 wegfallen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-large wp-image-370\" src=\"https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"420\" srcset=\"https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-1870x1403.jpg 1870w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-400x300.jpg 400w, https:\/\/www.machine-cultures.net\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20221025_090905-800x600.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/p>\n<p><strong>Vieldeutigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Gredig verweist in seinem Text darauf, dass Geschriebenes immer vieldeutig ist. Auf einer rein inhaltlichen Ebene w\u00fcrde ich dieser These zustimmen. Auf der Schriftebene, sehe ich dies jedoch etwas problematisch. Durch das eingeschr\u00e4nkte Forminventar wird die Schrift einheitlicher und damit auch eindeutiger. Das Geschriebene ist rein auf der Schriftlichkeit basierend nicht mehr einer urhebenden Person zuzuschreiben. Es bleibt h\u00f6chstens noch die m\u00f6gliche Zuordnung auf bestimmte Schreibger\u00e4te, wie wir sie aus Kriminalf\u00e4llen kennen. Aber auch da w\u00e4re wiederum vorausgesetzt, dass die Maschinen bestimmte Eigenheiten oder Macken aufweist, die ihre Schreibprodukte aus einer Sammlung von Texten hervorhebt. Quasi ein abhebendes Forminventar durch eine besch\u00e4digte Taste.<\/p>\n<p>Im weiteren sind aus einem mit der Schreibmaschine geschriebenen Text kaum Emotionen oder Hintergr\u00fcnde zum Schreibmoment abzulesen, w\u00e4hrend bei der Handschrift durch das unbeschr\u00e4nkte Forminventar ein breiter F\u00e4cher geboten wird. Es ist m\u00f6glich abzulesen ob eine Person vielleicht w\u00fctend oder in Eile war. Es ist aus der Handschrift aber auch ersichtlich, ob sich die Person besondere M\u00fche gegeben hat. Alle diese Emotionen k\u00f6nnen nicht aus einem Schreibmaschinentext abgelesen werden.<\/p>\n<p><strong>Lautst\u00e4rke<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Schreibprozess mit einer Schreibfeder, F\u00fcllfeder oder Bleistift kaum Ger\u00e4usche produziert, wird der Schreibprozess mit einer Schreibmaschine von einer un\u00fcberh\u00f6rbaren Akustik begleitet. Inwiefern dies Auswirkungen auf den Schreibprozess der Schreibenden Person hat, beispielsweise Konzentrationsschwierigkeiten oder die F\u00e4higkeit sich in den geschriebenen Text vertiefen zu k\u00f6nnen, was gerade bei kreativen Texten sehr wichtig ist, w\u00e4re in konkreten Studien zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Bibliographie:<\/p>\n<p>Gredig, Andi: Schreiben mit der Hand. Begriffe | Diskurs | Praktiken. Berlin 2021, S. 1-78.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Bedeutung hatte die immer breiter werdende Verwendung der Schreibmaschine f\u00fcr die Schrift das Schreiben als Prozess? Dieser Frage m\u00f6chte in anhand der ersten beiden Kapitel von Andi Gredigs Buch: Schreiben mit der Hand. Begriffe | Diskurs | Praktiken, nachgehen. Forminventar In der Handschrift einer einzigen Person findet sich ein breites Forminventar. 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